Wer mit Friedrichshain als erstes die Simon-Dach-Straße verbindet, hat was verpasst. Ein paar Meter weiter am Boxhagener Platz gibt es erstaunliche Dinge zu entdecken. Besonders junge Leute fühlen sich hier wohl.
Irgendwas ist auf dem Boxi immer los. Nicht nur sonntags, wenn der Flohmarkt brummt. Bei Sonnenschein macht es sich so mancher auf der Wiese bequem, und der Spielplatz ist eigentlich bei jeder Wetterlage voll. Schräg gegenüber, in einem kleinen Häuschen, ist das Café Pavillon des Vereins Karuna e.V. untergebracht. Eine Anlaufstelle für Jugendliche, oft Punks, die mit ihren Frisuren Farbe in die Gegend tupfen. Dazwischen, an den langen Seiten des Platzes, belagern Obdachlose und Gestrandete die Bänke und vertreiben sich die Tage. Für manche Anwohner kein schönes Bild. Für andere Teil einer bunt gemischten Kiezkultur. Wie war das noch mal mit der Gentrifizierung? Ehemals unattraktive Arbeiterbezirke werden durch studentische und künstlerische Subkultur aufgewertet und anschließend von Investoren glattgebügelt. Bestes Beispiel: Prenzlauer Berg. Das gleiche Schicksal wird gerne auch Friedrichshain attestiert. Doch wer genau hinsieht, wird feststellen: Irgendwie läuft hier etwas anders.Natürlich ist aus dem tristen Malocher- Viertel längst ein angesagter Szenebezirk geworden. Nur glattbügeln lässt er sich nicht. Der Boxhagener Platz mit seinen Pennern, Punks und hippen Muttis steht als Bild für eine Mischkultur, in der Alternative und Alteingesessene sich nicht von "schicken Szeneläden" vertreiben lassen. Heraus kommt eine lebhafte Mischung mit schöpferischem Potenzial.
Während sich einen Häuserblock weiter die Wühlischstraße zu einer lässigen Modemeile gemausert hat, blüht rund um den Boxi die Subkultur. Da sind zum einen die Alternativen, die unter anderem im Hausprojekt Grünberger 73 erfolgreich alternative Wohnformen praktizieren. Zum anderen fühlt sich eine wachsende Gemeinde von Anhängern verschiedener Musikszenen immer wohler. Die Freunde elektronischer Klänge treffen sich im Stereo 33, bevor sie in die Clubs ausschwärmen. Gleich nebenan, im guten alten Feuermelder, wird dagegen rockig geschrammelt. Und die Hörerschaft von Reggae, Ska und Co ist in der Gegend eigentlich überall zu Hause, am allerliebsten draußen.Wie die Ohrbooten, die gerne mal mitten auf dem Boxi ihre Beats auspacken. Auch sonst gibt sich das junge Volk betriebsam. Während in anderen Bezirken die Kreativszene hauptsächlich aus gut- bis überbezahlten Designern, Schauspielern und Architekten besteht, wächst in Friedrichshain ein Gegentrend. Hier werden junge, urbane und vor allem unabhängige Off-Projekte gepflegt, ungezähmt und subversiv.
Ein mittlerweile prominentes Beispiel ist neben den Ohrbooten das T-Shirt-Label Yack Fou (zusammengesetzt aus "Fuck You"). Die Betreiber wollen keine Modemacher sein, sondern verstehen ihre Shirts als Leinwände für freche Designs und gestalterische Experimente, als "tragbare Grafiken" sozusagen. Das Schönste an all der Vielfalt ist jedoch, dass sie funktioniert. Strömungen, die sich anderswo gegenseitig verdrängen würden, bilden hier ein friedliches Nebeneinander. "Die Leute sind irgendwie mit dem Kiez verwoben, und untereinander auch" erzählt Jan, der schon seit Jahren in der Gegend lebt. Für ihn wird das Leben am Boxi immer spannender: "Vielleicht wächst hier das neue Soho von Berlin." Vieles spricht dafür, dass sich noch mehr bunte Vögel ansiedeln. Die Mietpreise steigen langsamer als in anderen Trendbezirken, und auch sonst ist das Preisniveau erstaunlich niedrig. Im Kurhaus Korsakow zum Beispiel werden üppige Gerichte für sechs bis acht Euro serviert. Auch in Zukunft werden sogenannte Yuppies in Friedrichshain viel Gegenwind haben. Das wurde unlängst demonstriert, als zur Eröffnung der O2-World, der Mega-Unterhaltungs-Arena am Spreeufer, über 1 000 Protestler anrückten. Das lässt auch weiterhin auf eine vielseitige Kiezkultur hoffen.
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