Zum nächsten angesagten Club kommt man nicht zu Fuß - es sei denn, man gehört zur sportlichen Brigade - und fürs Barhopping sollte man auch eine Alternative in petto haben. Das aufregende Berliner Nachtleben sucht man rund um den Kollwitzplatz vergebens. Dennoch zieht es unglaublich viele Menschen in diese verträumte Ecke. Sänger Brokof, der schon jahrelang in Prenzlauer Berg lebt, mag vor allem die Wildheit, die Freiflächen und die Bausubstanz, aber er ist auch kritisch: "Mir gefällt so gar nicht, dass gute Läden schließen müssen, weil Investoren Geld riechen. Gegen Schwaben habe ich nichts. Ich mag nur nicht, wenn versucht wird, aus Berlin ein größeres Stuttgart zu bauen. Diese Leute gehen nach Berlin, finden es dann ganz billig und cool und ändern dann mit ihrem Geld all das, was diese Gegend so toll und preiswert macht." Und Brokof bringt mit diesem Statement auf den Punkt, was auch Anlass der Antifabewegung für ihre provozierende "Schwaben raus"-Kampagne gewesen sein dürfte.
Fotograf Stephan, der in dem Kiez groß geworden ist: "Ich kenne in der Gegend jeden Pflasterstein. Früher gab es hier noch Besetzerkneipen, viele Oppositionelle und Kreative, die das heruntergekommene Flair so schätzten. Es war aufregend und bunt. Heute gibt es einfach viel zu viel Schickimickikram, die Kollwitzstraße wurde zur Schaulaufmeile. Das macht mich total wütend, aber vertreiben lasse ich mich nicht." Immer wieder spricht man derzeit von der Zerstörung der kreativen Subkulturen, der Kollwitzplatz wird zur "Puppenstube für Reiche und Touristen", wie ein Anwohner findet. Junge Querdenker können sich die rasant angestiegenen Mieten nämlich kaum mehr leisten. Ganz zu schweigen von den Leuten, die immer da gelebt haben und sich mit immensen Mieterhöhungen auseinandersetzen müssen. Die vor einem Jahr in den Kollwitzkiez gezogene Schwäbin Julia hingegen fühlt sich unfair angegriffen: "Ich verstehe überhaupt nicht, was der ganze Wirbel soll, ganz zu schweigen davon, was es mit mir zu tun hat. Ich finde das Leben hier einfach entspannt und schön."
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